Mentoren des Software Campus

Christian Gengenbach, Vice President R&D Application Modernization bei der Software AG

05.11.2013 -

Mentor des Software Campus-Teilnehmers Ben Hermann

Sie sind Vice President R&D Application Modernization bei der Software AG. Was genau verbirgt sich dahinter?

Als VP R&D leite ich einen Fachbereich innerhalb der Produktentwicklung der Software AG. Mit meinen Kollegen verantworte ich vier Produkte (ApplinX, EntireX, JIS und JI) innerhalb des Produktportfolios der Software AG. Wir kümmern uns also um die Wartung und Weiterentwicklung dieser Produkte. Meine fast 50 Mitarbeiter, für die ich sowohl die personelle, wie auch die fachliche Verantwortung habe, verteilen sich auf 4 Teams. 30 KollegInnen sind in der Zentrale in Darmstadt, 15 in Tel Aviv (Israel) und zwei in der USA.

Weiterhin manage ich mit zwei VP-Kollegen und unserem Chef, dem Senior Vice President ETS, den Bereich ETS (Enterprise Transaction Systems) innerhalb der Produktentwicklung. Ein nicht unerheblicher Teil meiner Aufgaben umfasst dabei die Repräsentation meines Bereichs und meiner Produkte nach außen, speziell auch beim Vorstand.

Wie sieht ein Tagesablauf im Leben eines VP R&D aus?

Mein Tag besteht zum großen Teil aus Besprechungen und Telefonkonferenzen, ein großer Teil davon wiederholt sich jede Woche oder alle zwei Wochen. Dies sind entweder Face-To-Face Meetings mit meinen direkten Mitarbeiters oder Management-Team Meetings. Weiterhin gibt es auch jeden Tag Besprechungen zu speziellen Themen. Die restliche Zeit wird zum großen Teil durch Kommunikation bestimmt - Emails, Telefonate und dergleichen. Bedingt durch die internationale Ausrichtung der Software AG läuft ein großer Teil davon in englischer Sprache.

Sie sind seit mehr als 23 Jahren bei der Software AG. Was gefällt Ihnen besonders am Unternehmen?

Die 23 Jahre, die ich in der Produktentwicklung der Software AG arbeite, haben mir immer wieder neue Herausforderungen gebracht. Ich hatte die Gelegenheit, erweiterte Verantwortung zu übernehmen, wenn ich mich dazu bereit fühlte. Dadurch konnte ich mich stetig weiterentwickeln und Neues lernen, anfangs als Systemprogrammierer auf technischer Ebene und dann zunehmend in Rollen mit mehr Verantwortung für Projekte und Teams. Nun bin ich seit zehn Jahren Fachbereichsleiter und in dieser Zeit hat sich die Software AG und damit die Produktentwicklung so stark verändert - beispielsweise auch durch mehrere Akquisitionen. Es gab also immer wieder anspruchsvolle neue Herausforderungen. Mittlerweile ist Change-Management zu einem großen Teil meiner täglichen Arbeit geworden.

Neben den wechselnden anspruchsvollen Aufgaben und Verantwortungen sind es aber vor allem die Kolleginnen und Kollegen in der Software AG, die für mich einen wesentlichen Teil der Qualität meiner Arbeit ausmachen. Eine überwiegend von Respekt, Hilfsbereitschaft, aber auch Humor und echtem Interesse an Anderen geprägte Atmosphäre lassen mich jeden Tag wieder mit Freude zu meiner Arbeit kommen.

Stichwort Software Campus: Sie sind Mentor von Ben Hermann, seit 2012 beim Software Campus. Warum wollten Sie gerne Mentor werden?

Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn oft von erfahreneren Kollegen Hilfe und Beratung erfahren und das auch immer gern angenommen. Einige dieser Kollegen - aber bei weitem nicht alle - waren meine Vorgesetzten. Genauso habe ich gleichermaßen immer gerne meine Erfahrungen weitergegeben. Ich habe dadurch auch einige langjährige Beziehungen mit Kollegen, denen ich gerne Ratschläge gebe, aber oft ist das auch eine gegenseitige Sache. Einige dieser Kontakte waren ganz klar Karriere bestimmend. Ohne sie wäre ich nicht, wo ich jetzt bin. Nicht alle dieser Kontakte sind allerdings in der Software AG. Ich habe festgestellt, dass insbesondere solche Beziehungen zu unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen sehr anregend und hilfreich sind. Heute bemühe ich mich, gerade bei meinen direkten Mitarbeitern meine Erfahrungen weiterzugeben, was auch gerne von diesen genutzt wird.

Aus diesem Grund habe ich auch gerne ja gesagt, als ich gefragt wurde, ob ich bereit wäre Mentor für den Software Campus zu werden.

Warum brauchen junge Führungskräfte aus Ihre Sicht Mentoren in Unternehmen?

Wenn man offen ist für fremde Ratschläge und Erfahrungen, dann gibt es keine besseren Hilfen als „alte Hasen“. Gerade in unserer Branche, wo die meisten Manager mit Projekt- und Teamverantwortung ursprünglich aus dem technischen Bereich kommen, ist nichts wertvoller als Kollegen, die einem vor allem an kritischen Stellen mit ihren Erfahrungen bei schwierigen Entscheidungen helfen können.

Wie sieht das Mentoring in Ihrem Fall konkret aus?

Nachdem Ben Hermann und ich uns bei einem ersten Treffen kennengelernt hatten, haben wir zuerst ein Dreiertreffen zusammen mit dem technischen Betreuer von Ben verabredet, um uns besser kennenzulernen. Danach haben Ben und ich uns darauf geeinigt, uns etwa alle vier Wochen für zwei Stunden zu treffen. Bisher hat Ben mich immer in der Software AG besucht und wir haben das Treffen regelmäßig mit einem gemeinsamen Mittagessen verbunden. Diese Häufigkeit hat sich im Moment für uns bewährt. Typischerweise besprechen wir dabei News aus Bens Forschungsteam, bspw. wie sich die Zusammenarbeit der Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeiter entwickelt.

Ab und zu berichte ich aber auch von den aktuellen Entwicklungen in meinem Team. Hin und wieder bringt Ben auch konkrete Fragen zu Organisation oder Mitarbeiterführung mit, die wir dann diskutieren. Manchmal habe auch ich konkrete Fragen, die ich dann stelle. Bisher ist immer genug passiert, sodass wir immer genug Themen hatten.

Was waren bisher Ihre größten Herausforderungen im Job?

Dazu fallen mir mehrere Themen ein. Eine der großen Herausforderungen war sicher eine größere Reorganisation im Rahmen des Turnarounds der Software AG, in den wirtschaftlich schwierigen Jahren 2003/2004. Dies ging auch mit Entlassungen unter anderem in der Produktentwicklung einher. Ich musste damals auch Mitarbeiter meines Fachbereichs entlassen. Dies ist eine Erfahrung, die menschlich besonders unter die Haut geht.

In 2007 und 2009 haben wir größere Akquisitionen getätigt. Dabei mussten große Produktentwicklungsbereiche in internationalen Standorten - USA, Indien, Bulgarien, um nur die größten zu nennen - integriert werden. Neben der fachlichen auch die kulturelle Integration hinzukriegen, war nicht einfach. Zuletzt haben wir in den vergangenen 3,5 Jahren die gesamte Produktentwicklung umgestellt auf Lean Production und agile Entwicklungsmethoden. Eine solche Veränderung mit über 800 R&D Mitarbeitern weltweit war eine Herausforderung für mich und alle meine VP/SVP Kollegen. 

Seitdem Sie sich für die Informatik entschieden haben, hat sich vieles in der IT geändert. Was waren aus Ihrer Sicht die größten Einschnitte/Innovationen? Und welche großen Umbrüche erwarten Sie in naher Zukunft?

Eine wesentliche Veränderung, die schon vor Jahrzehnten begann, ist die vermehrte Hinwendung zur Teamarbeit bei der Entwicklung von Softwaresystemen. Die Komplexität der Systeme hat in gigantischem Masse zugenommen und einer alleine kann sie in der Regel nicht mehr beherrschen.

Eine weitere Veränderung liegt in dem Thema Benutzbarkeit von Softwaresystemen. Früher haben sich Softwaresysteme oft an den Erfordernissen der Maschinen und Programmierer orientiert. Der Anwender musste dann sehen, wie er damit klar kommt. Heute in der Zeit von iPhone und ähnlichen benutzerfreundlichen Geräten sind auch die Ansprüche der Anwender an die Benutzbarkeit von Softwaresystem erheblich gestiegen. Wir in der Software AG machen große Anstrengungen, uns hier zu verbessern. Ich glaube fest daran, dass zukünftig Kaufentscheidungen in der Industrie erheblich von Benutzbarkeitskriterien beeinflusst werden, ganz so, wie es heute auf dem Consumer-Sektor schon lange der Fall ist.

Welchen Tipp würden Sie einem jungen Informatiker geben, der sich gerne in einem Unternehmen einbringen möchte?

Das Wichtigste ist für mich, offen und ehrlich zu sein und damit möglichst authentisch zu agieren. Man kann sich nicht auf ewig verstellen - für mich ist der einzig erfolgreiche Weg, man selbst zu sein und zu bleiben.

Es ist definitiv auch wichtig, auf Kollegen zuzugehen, sich nicht zu scheuen auch vermeintlich dumme Fragen zu stellen und Fehler oder Probleme offen zuzugeben und anzusprechen. Schließlich noch: Neue Herausforderungen mutig anzunehmen, sich aber dabei nicht selbst zu überschätzen. Immer nur so viel abbeißen, wie man auch schlucken und verdauen kann!

Fachlich kann man fast alles lernen, aber ohne Kollegen und Team kann man meist nicht viel erreichen.

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